Risiko: Wahrnehmungsverzerrung und Déformation professionelle

Dr. med. Marc Risch Wahrnehmung ist Prozess und Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und dem Körperinnern; sie ist häufig verzerrt: Auch Ärzte können einer Wahrnehmungsverzerrung im Sinne einer Déformation professionelle unterliegen. Dabei ist Wahrheit relativ und die Wahrnehmungsverzerrung selten offensichtlich. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist unsere Aufgabe als Ärztinnen und Ärzte, das eigene Handeln, den Wert der Erkenntnisquellen und folglich den Umgang mit unseren Patientinnen und Patienten immer wieder zu hinterfragen.

Wacher, hinterfragender Geist

Wir erleben derzeit einen zunehmenden Trend hin zur Spezialisierung, auch und insbesondere in der Psychiatrie. Mit der Zunahme komplexgekoppelter Systeme werden in der Medizin Fehler geradezu provoziert. Umso wichtiger ist es, die Längs- und Querschnittsbefunde konsequent in die zu ziehenden Schlüsse einzubeziehen und die therapeutischen Massnahmen immer wieder kritisch zu hinterfragen. Neben hochentwickelten Qualitätssicherungssystemen und dem Vier-Augen-Prinzip ist der gesunde Menschenverstand ein probates Mittel zur Wahrheitsannäherung. Ein wacher, hinterfragender Geist und der Einbezug der Intuition sind bedeutsame Wirkfaktoren gegen Wahrnehmungsfehler. Trotz Spezialisierung, die dazu verleitet, die eigene Fachlichkeit prioritär anzuwenden, sollte der Blick für das Grosse und Ganze im Auge behalten und einer drohenden Déformation professionelle entgegengewirkt werden. Das setzt integriertes Denken, Einbezug anderer Fachdisziplinen und gesunden Menschenverstand voraus.

Ganzheitliche Betrachtung vs. Spezialistentum

Wenn sich Experten der Körper- und Seelenmedizin für das Wohl eines Patienten einsetzen, steigt die Einzelfallkomplexität und auch das Risiko von Abstimmungsproblemen unter den involvierten Fachkräften oft sprunghaft an. Vor diesem Hintergrund spielt vor allem die Kommunikation im Behandlungsteam und unter den verschiedenen Spezialisten sowie der Umgang mit unseren eigenen Fallerfahrungen eine besondere Rolle.

Fakten: Das Beste für die Gesundheit

Wenn die Psychiatrie ins Spiel kommt, kann zeitgleich auch das Interaktionspotential auf medikamentöser Ebene steigen. Erschwerend kann hinzukommen, dass insbesondere bei betagten Menschen, oder auch Patienten mit komplexeren Störungsbildern, mehrere Fachkräfte im Einsatz sind, die alle das Beste für die Gesundheit der Betroffenen wollen. Gerade bei Verhaltensauffälligkeiten können Experten in die Spezialisierungsfalle geraten. So werden Menschen beispielsweise als «aggressiv», «angetrieben», «verwirrt» oder «unruhig» beschrieben, obwohl sie das objektiv gar nicht sind. Die Interpretation des Verhaltens uns Anvertrauter hängt sehr stark von unseren Erfahrungen im Umgang mit komplexen Behandlungssituationen ab und ist somit oft einseitig. Es ist daher entscheidend, zunächst die Muster der Verhaltensweisen zu erkennen und jenseits eigener Erfahrungen bei den Fakten, bzw.Befunden, zu bleiben. Die Herausforderung besteht darin, integriert mit anderen Fachkollegen ein Gesamtbild zu evaluieren, unvoreingenommen konkrete Behandlungsakzente zu setzen und die Wirkeffekte so neutral wie möglich zu beurteilen und Anpassungen zu setzen.

Direkte Laborwerte für die Seele gibt es nicht. Jedoch können wir durch einen sinnvoll geplanten Einsatz von Medikamentenspiegelbestimmungen das Verständnis unserer Patienten für die physiologischen Zusammenhänge zwischen ihrem Körper und Seelen-Erleben verbessern. Nicht nur, dass bei Affekterkrankungen und vielen weiteren psychischen Krankheiten ein umfassendes internistisches Labor erforderlich ist, um körperliche Ursachen der psychischen Auffälligkeit auszuschliessen. Gerade auch im Behandlungslängsverlauf sind Kontrolllaboruntersuchungen und je nachdem EKG Kontrollen angezeigt. Der geschickte Einsatz von Medikamentenspiegelbestimmungen erhöht bei Patienten häufig die Compliance, bzw. Adhärenz. Voraussetzung ist, dass die Laborresultate aktiv in den Konsultationen mit dem Patienten in einer für ihn nachvollziehbaren Sprache analysiert, diskutiert und verstanden werden. Wenn ein Patient begreift, wie ein Medikamentenspiegel zustande kommt, welche Abbauwege im Körper relevant sind und weshalb es beispielsweise basierend auf einem erhobenen Wert eine Erhöhung oder Erniedrigung der Medikamentendosis braucht, ist das ein Garant für eine langfristige und tragfähige Patienten-Arzt-Beziehung.

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(Riport 88, Labor Risch)

Text: Dr. med. Marc Risch
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Clinicum Alpinum AG

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