Musik kann mehr: Musiktherapie bei Depression

Musik bewegt. Sie lässt uns lächeln, weinen, tanzen, sehnsüchtig werden. Ob wir Musik nun hören oder selber aktiv musizieren; Musik wirkt direkt auf unsere Gefühle und findet ihren Weg „…zu den geheimsten Plätzen der Seele“ wie Plato einst formulierte. Musik kann auch dort Ausdruck geben, wo Worte fehlen. Manchmal ist es ein Song, der für das steht, was wir empfinden oder wovon wir träumen. Und manchmal geht es im wahrsten Sinne des Wortes darum, mal auf eine richtige „Pauke zu hauen“, um mit der darin verborgenen Kraft in Berührung zu kommen und selbst etwas zu bewegen.

Musiktherapie hilft

Ob im Einzel- oder im Gruppensetting: Musiktherapie hilft, den Zugang zu den Gefühlen wiederzufinden und ihnen durch Rhythmus und Klang Ausdruck zu geben. Nicht zuletzt deshalb stellt sie eine wirksame Therapie dar für Menschen, die an einer Depression leiden. Menschen mit Depressionen sind von einem hohen Leidensdruck betroffen und die Krankheitssymptome sind mannigfaltig. Von Energielosigkeit, vermindertem Antrieb und Gefühlen von Angst und Traurigkeit bis hin zu fehlenden Empfindungen und kreisenden Gedanken, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen: Musiktherapie kann helfen, Türen zu öffnen, angelegte Ressourcen für sich nutzbar zu machen und neue Lebensfreude zu entdecken.

Musiktherapie bei Depressionen

– kann besonders beim aktiven Musizieren wieder ins Hier und Jetzt führen
– reaktiviert innere Bilder und verschüttete Ressourcen, die heilsam wirken können
– vermag jenes wieder in Schwingung zu versetzen, das beim depressiven Menschen in seiner Schwingungsfähigkeit stark eingeschränkt ist
– fördert die Entspannung und die Fähigkeit, etwas achtsam zu geniessen
– unterstützt die Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen (Selbstfürsorge)
– fördert die Kreativität und den authentischen Selbstausdruck
– gibt Halt und Raum, sich dem eigenen Rhythmus wieder anzunähern

Womit wird in der Musiktherapie gearbeitet?

In der aktiven Musiktherapie stehen vielseitige, einfache Instrumente aus verschiedenen Kulturkreisen zur Verfügung, für die es keinerlei Vorkenntnisse braucht. Daneben ist natürlich die Stimme, unser ursprünglichstes „Instrument“, das uns sprechend, summend, singend, schon seit der Zeit im Mutterleib, begleitet. Wenn wir singen, wird die Produktion von Glückshormonen wie Serotonin und Beta-Endorphin angekurbelt, was zu Glücksgefühlen führt. Um diese Glücksgefühle geht es in der Musiktherapie. Und nicht etwa um „richtiges“ oder „falsches“ Singen bzw. Spielen, sondern darum, Erstarrtes wieder in Schwingung kommen zu lassen und die Verbundenheit mit anderen zu erfahren.

In der rezeptiven Musiktherapie geht es um das bewusste Hören von Musik. Die Musiktherapeutin spielt frei improvisierte oder komponierte Musik, welche auf die jeweilige Situation ihres Gegenübers eingeht. Weitere Vorgehensweisen sind das gemeinsame Hören von komponierten Werken, Liedern oder anderer Musik. Dabei stehen die Wünsche der Patientin bzw. des Patienten, im Vordergrund.

Musik funktioniert schon im Mutterleib

Schon im Mutterleib sind auditive Reize für die Hirnreifung des ungeborenen Kindes von zentraler Bedeutung. Es verwundert also nicht, dass Musik und Klänge auch später eine unmittelbare und ganzheitliche Wirkung auf Menschen haben – ein Leben lang. Unabhängig von Epoche, Stil, Herkunft oder Funktion beinhaltet jede Musik im Wesentlichen fünf Grundelemente: Rhythmus, Dynamik, Klang, Melodie und Form. Je nach Beziehung dieser musikalischen Bausteine zueinander unterscheiden wir ergotrope (stimulierende, aktivierende) und trophotrope (beruhigende, entspannende) Musik, die unseren Organismus direkt über das limbische System (Gefühlszentrum) erreicht – sogar im Schlaf.

Das präziseste Messinstrument für die emotionalen Reaktionen, die durch Musik hervorgerufen werden, ist und bleibt die hörende Person selbst. Sie allein kann qualitative Aussagen über die Vorgänge in ihrem Innern und über empfundene Stimmungsveränderungen treffen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Musik selbst gespielt ist (aktiv) oder durch Zuhören wahrgenommen wird (rezeptiv).

Was davon kann ich mitnehmen?

Für Menschen mit Stressfolgeerkrankung wird Musiktherapie zunächst eingesetzt, um inneren Druck abzubauen und Zugang zu den eigenen Emotionen zu erhalten. Musik lebt vom Verhältnis zwischen Bewegung und Innehalten, Wohlklang und Reibung, Transparenz und Dichte, und von den Übergängen von einer Stimmung in eine andere. Diese musikalischen Qualitäten und Spannungsverhältnisse werden in der Musiktherapie durch bewusstes Hören und aktives Spielen von Klängen auf der Gefühlsebene erlebbar. Die lauschende bzw. spielende Person geht in Resonanz, hört auf sich und ihre Umgebung. Die dabei gemachten Erfahrungen von Entspannungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und Wahrnehmung der eigenen Grenzen sind „Tools“, die Betroffenen im Anschluss an die stationäre Behandlung zur Verfügung stehen. Transferiert in den Alltag helfen sie dabei, Frühwarnzeichen zu erkennen und ernst zu nehmen (d.h. auch entsprechend zu handeln) und die persönliche Ressourcen-Aktivierung auszubauen.

Dr. med. Marc Risch

Zum Autor
Dr. med. Marc Risch, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er studierte Humanmedizin in Zürich und Innsbruck und schloss sein Studium in Innsbruck mit einem Doktorat ab. In den weiteren Jahren absolvierte er vertiefende Ausbildungen unter anderen in den Bereichen Krisenintervention, wo er zusammen mit seiner Frau als Ausbildner für das Rote Kreuz tätig war. Seit 2012 führt der Psychiater seine eigene Praxis in Schaan und arbeitet als Chefarzt im Clinicum Alpinum.

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