Depression: eine Belastungsprobe für die Beziehung

Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Dies verdeutlich Dr. med. Marc Risch, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in einem Interview über die Hintergründe dieser Krankheit. Nicht nur der Betroffene selbst leidet unter der Erkrankung, sondern auch der Partner und die Familie. Umfragen des zweiten Deutschland Barometers Depression ergaben, dass fast die Hälfte der Partnerschaften aufgrund einer Depression in die Brüche gehe.

Sind Beziehungsprobleme die Ursache für die Depression?

Oftmals bestehen Partnerschaftskonflikte schon vor Ausbruch der Depression. Zudem spielen bei der Entstehung einer Depression immer mehrere Faktoren eine Rolle. Dies zeigt auch unser FAQ über Depressionen. Eine Depression ist daher meist die Ursache und nicht die Folge von Partnerschaftskonflikten. Trotzdem kann sich eine Art Teufelskreis aus Beziehungsproblemen und Depression bilden, aus der es schwer ist, selbst wieder herauszukommen.

Die Partnerschaft gerät ins Wanken

Erkrankt ein Partner an einer Depression, belastet dies die Beziehung. Beide leiden auf unterschiedlichste Art und Weise.
Es kostet sehr viel Kraft, Geduld, Sensibilität und Energie zuzusehen, wie der Partner leidet. Ein Wechselbad der Gefühle von Verantwortung übernehmen, Schonung, Rückzug, Sprachlosigkeit und Verständnislosigkeit beeinflusst dabei die Partnerschaft. «Wie kann oder soll ich mich meinem Partner gegenüber verhalten?» Vor allem zu Beginn der Erkrankung begegnet man dem Betroffenen noch mit viel Verständnis und Rücksichtnahme. Mit der Zeit fällt es aber schwer, die depressive Verstimmung und das Verhalten des Partners nicht zu persönlich zu nehmen, sondern als Teil der Krankheit zu betrachten.

Sich selbst nicht vergessen

Wenn der Partner mitleidet, besteht die Gefahr, dass das depressive Verhalten «ansteckend» sein kann. Das Paar zieht sich aus gemeinsamen Freizeitaktivitäten, Freunde und Familie zurück – es kommt zur Isolation. Es ist eine ständige Gratwanderung in der Paardynamik zwischen den Bedürfnissen des «Wir» und des «Ich». Viele beziehen es auf sich, wenn der Partner depressiv wird. Sie kämpfen mit Schuldgefühlen, da sie befürchten, dass sie der Auslöser für die Depression sein könnten. Sie fühlen sich hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie helfen können – dadurch entsteht eine Überforderung für beide. Oft schlüpft der Partner sogar in die Rolle des Ersatztherapeuten. In einer solchen Situation ist es wichtig, sich abzugrenzen, um Energie zu tanken. Nicht nur das Wohl des Partners soll gefördert werden, sondern auch das eigene. Sorgen Sie dafür, dass Sie

– ohne Schuldgefühle auch einmal Ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen

– Ihr Sozialleben pflegen

– sich Auszeiten gönnen

– einen Ausgleich mit Ihren Hobbies oder Sport finden

– Unterstützung und Entlastung holen

– ein Netzwerk von Familie, Freunden und Bekannten aufbauen können

Nichts ist wie vorher

Bis die professionelle Behandlung der Depression wirkt, braucht es Zeit. Unser FAQ verdeutlicht dies. Werden Betroffene aus einer stationären Einrichtung entlassen, sind sie noch lange nicht gesund, sondern werden ambulant weiterbehandelt. Die behandelnden Ärzte und Therapeuten müssen hier auch den Partner aufklären und entsprechendes Erwartungsmanagement betreiben. Und auch wenn der Behandlungsprozess abgeschlossen ist, muss sich der Partner auf Veränderungen einstellen. Die Psychotherapie führt ja in der Regel nicht nur zu einer Symptomfreiheit, sondern hat oft auch nachhaltige Veränderungen zur Folge. Manch eingespielte Beziehungsmuster laufen plötzlich ganz anders ab.
Damit die Beziehung diese schwierige Phase übersteht, ist es wichtig, dass der Partner frühzeitig in die Therapie miteinbezogen wird. Beide sind gefordert sich gegenseitig zu unterstützen und aktiv an der Bewältigung mitzuarbeiten. Mit einer erfolgreichen Behandlung der Depression und einem aktiven Einbezug des Partners kann eine Beziehung diese Stressprobe bestehen.

Zum Autor
Bettina Thaler war nach ihrer ersten Grundausbildung als Sozialpädagogin ich in der Jugendarbeit, später in der ambulanten sozialpsychiatrischen Beratungsstelle tätig. Ihrer Grundausbildung zur Sexualtherapeutin an der Universität Innsbruck und Jena folgte eine Zusatzausbildung in für Paar- und Sexualtherapie bei Ulrich Clement. Weitere berufliche Erfahrungen machte Bettina Thaler in der Betreuungsarbeit im Frauenhaus sowie im Aufbau und der Leitung der Beratungsstelle für Schwangerschaft und Sexualität in Sargans (CH). Zudem betreibt Bettina Thaler seit 5 Jahren eine eigene Praxis. Im Clinicum Alpinum ist sie seit 2019 als Therapeutin tätig.

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