Ein Bubentraum geht in Erfüllung

Wenn man im Dorf Appenzell links abbiegt und dem herben Duft der Strasse folgt, ist das Büro von Emanuel Steiner nicht weit.

Emanuel Steiner, Leiter Personal und Finanzen des Traditionsunternehmens Appenzeller Alpenbitter, rundet die spannende Podiumsdiskussion am «1. Hochalpinen Symposium Gaflei» zusammen mit den Referenten Prof. Dr. Oelz und Prof. Dr. Dr. Kühnis ab. Er bringt spannende Inputs aus dem aktuellen Arbeitsalltag und der Perspektive eines Familienunternehmens ein.
Das Clinicum Alpinum verbindet mit Emanuel Steiner nicht nur die gemeinsame Leidenschaft für die Natur und das Alpine, sondern auch das Verständnis über die Bedeutung einer nachhaltigen Re-Integration am Arbeitsplatz.

Im Interview spricht Emanuel Steiner über die Bedeutung von Werten in der Personalführung und seine persönlichen Höhen und Tiefen. Er erzählt, weshalb er ohne den Appenzeller Alpenbitter das Militär nicht überstanden hätte, dass er ohne den Schnaps nicht in die Ferien geht und weshalb das Getränk – im doppelten Sinn- guter Spirit ist.

Mit Emanuel Steiner sprach Marc Risch.

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Lieber Emanuel, vielen Dank für Deine Bereitschaft, im Zusammenhang mit dem bevorstehenden «Hochalpinen Symposium Gaflei» am 31.08.2018 für persönliche und tiefsinnige Fragen, auch aus der Welt des Personalwesens, zur Verfügung zu stehen. Ich danke Dir, dass wir das Interview, im alpinen «Du» abhalten können. Wir freuen uns auf deine Teilnahme am Podium.

Kannst Du uns einen kurzen Abriss über deinen Arbeitgeber geben?

Die Appenzeller Alpenbitter AG gibt es seit 1902. Wir stehen für das Appenzellerland. Für mich ist der Appenzeller Alpenbitter nicht nur ein Schnaps, sondern v.a. auch Heimat und Kult- und Kulturgetränk. Ich habe keinen Tag Militär gemacht ohne einen Schluck Appenzeller (lacht). Auch wenn ich in die Ferien gehe, nehme ich immer ein Fläschchen mit. Es ist dann so, als ob ich ein Stück Heimat dabeihabe. So wie mir geht es ganz vielen Appenzellerinnen und Appenzellern.

Der Alpenbitter ist Euer Hauptprodukt?
Ihr macht aber noch sehr viel mehr?

Richtig! Mit dem Alpenbitter zahlen wir die Löhne unserer 35 Mitarbeiter (lacht). Wir sind aber auch ein Handelsunternehmen der Getränkebranche und mit bekannten «Brands» im Lizenzgeschäft tätig. Unser Hauptmarkt ist die Schweiz – das Ausland, mit Ausnahme von Liechtenstein natürlich – spielt für uns eine kleinere Rolle. Jedoch haben wir auf der ganzen Welt ein paar treue Fans und Kunden, welche immer wieder Palletten bei uns einkaufen.

Wenn man Eure Geschichte anschaut, gibt es auch Erwähnungen des Alpenbitters als Heilmittel. Kannst Du uns etwas über die geschichtlichen Hintergründe berichten?

Emil Ebneter hat sich im letzten Jahrhundert mit gut 20 Jahren die Kräuterkenntnis bei den Kräuterfrauen der Region angeeignet und sein Wissen im Keller erprobt. Seine Eltern hatten eine Gaststätte, wo er seinen Magenbitter am Anfang den Gästen zur Probe offeriert hat, bis diese gesagt haben: «Jetzt isch er guet!» Bis 1935 trug der Alpenbitter das Prädikat «ärztlich empfohlen». Es war zwar kein Medikament im engeren Sinne, aber die Ärzte der Region haben den Alpenbitter bei verschiedenen Problemen empfohlen.

Innovative Bauernfamilien der Umgebung pflanzen seit 2014 wieder Kräuter für den Appenzeller Alpenbitter an. Auch haben wir bei der Betriebsliegenschaft gelben Enzian angepflanzt. Davon verarbeiten wir jährlich 50 Tonnen im Jahr. Wenn man bedenkt, dass die Wurzel dieser Pflanze bis zu 4 Jahre im Boden reifen muss, kann man sich den Aufwand vorstellen. Unser Ziel ist es künftig v.a. auch die Kräuteranbaukenntnis wieder nach Appenzell zu holen, damit wir in der Tradition Emil Ebneters auch andere Getränke mit Kräutern entwickeln können.

Ihr seid ein Traditionsunternehmen, das eigentümergeführt ist. Haben die Eigentümerfamilien Einfluss auf Strategie und Tagesgeschäft?

Ja einen sehr grossen und gewichtigen Einfluss sogar. Die Familien Kölbener und Ebneter, halten 100% der Anteile in Familienhand. Die Firma hat 5 Verwaltungsräte, die gleichzeitig auch die Aktionäre aus beiden Familien vertreten. Wir haben eine sehr nahe Beziehung zwischen Eigentümern und Geschäftsleitung und stehen fast wöchentlich in direktem Kontakt. Das Aktionariat ist nicht dividendengesteuert. Vielmehr geht es um den transgenerationellen Fortbestand der Firma und v.a. den Erhalt der Arbeitsplätze für die Region.

Du bist schon ein paar Jahre in diesem Betrieb tätig.
Ein Traumjob für Dich?

Mit gut 20-21 Jahren habe ich mal in einem Steckbrief im Unihockey-Magazin auf die Frage, was ich einmal werden möchte, formuliert: „Qualitätstester bei der Emil Ebneter & Co. AG“. Vor 8 Jahren ist dieser Wunsch dann infolge der Pensionierung des langjährigen Leiters Finanzen und Personal in Erfüllung gegangen. Es ist ein Traumjob hier. Wir arbeiten mit viel Leidenschaft und Herzblut für diese Marke, die 80% der Schweizer Bevölkerung kennen. Ein – im doppelten Sinn – guter Spirit!

Was war Dein ursprünglicher beruflicher Bubentraum und wie war dein Werdegang zum Finanz- und Personalchef der Appenzeller Alpenbitter?

Mit 16 Jahren wollte ich zur Swissair. Ich habe die Verkehrsschule besucht, das hat dann aber nicht ganz geklappt. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht hinkam, da es die Swissair heute ja nicht mehr gibt (lacht).

Krisen und Herausforderung im Beruf sind an der Tagesordnung. Was wir oft vergessen ist, dass Mitarbeitende auch durch persönliche Krisen gehen und dennoch 100% ihrer Arbeitsleistung abrufen. Was war Deine erste oder wichtigste Krise, was Dein erster Erfolg der Dir in bleibender Erinnerung ist?

Ich habe mit 17 Jahren meinen Vater verloren – ein grosser Schicksalsschlag. Die Familie ist dadurch aber auch näher zusammengewachsen. So konnte auch Neues entstehen.

Als „Erfolg“, wobei da natürlich zu 99% auch Glück dabei ist, möchte ich die Geburt unserer Töchter nennen. Das war für mich sehr eindrücklich, ich erinnere mich heute noch gerne daran. Elternschaft relativiert vieles.

Welche Werte sind Dir als Person und in deiner Rolle als Personalchef wichtig?

Ehrlichkeit! Im Privaten und auch im Geschäft. Der Umgang mit den Leuten muss ehrlich sein, das Arbeiten muss ehrlich sein, in der Buchhaltung und auch in der Fabrikation. Wir sind eine kleine Firma, wir müssen Vertrauen ineinander haben sonst funktioniert es nicht. Ja als KMU schauen wir gut zu unseren Mitarbeitern – das hat Tradition.
Wir legen Wert auf eine überdurchschnittliche Versicherung unserer Mitarbeitenden bei Krankheit, Unfall, Lohnzahlungen, etc. Da steht auch der Verwaltungsrat dahinter.

Was macht die Firma Appenzeller Alpenbitter zu einem herausragenden Arbeitgeber?

Wir sind wie eine Familie. Vom Aktionär, über den Verwaltungsrat bis hin zu den Messedamen ziehen alle am gleichen Strick. Wir wollen zum Appenzeller Alpenbitter Sorge tragen.

Du engagierst Dich auch im Kulturbereich? Welche Bedeutung hat dieser Perspektivenwechsel für die „Stuhlfabrik Herisau“ für Dich?

Die Stuhlfabrik Herisau ist ein Kulturzentrum. Wir machen „Goofentheater“ und haben auch immer wieder sehr spannendes für die „Grossen“ zu bieten. Künstler wie Mike Müller, Simone Enzler, Marco Rima, aber auch Newcomer aus der Schweizer Szene treten bei uns auf. Wir sind aber auch offen für politische Anlässe. Für mich ist das eine spannende, andere Welt in die ich eintauchen kann.

Freiwilligkeit ist ein grosses Thema, gerade wenn es um sozialen Zusammenhalt geht. Wie viele freiwillige Stunden leistet Euer Verein.

(Lacht) Das messen wir nicht! Wir sind angewiesen auf Zuwendungen von Gönnern und Stiftungen, aber die Leute arbeiten alle mit Freude kostenlos. Unser Lohn ist, gemeinsam etwas zu erreichen.

Wenn man zum Fenster raussieht, sieht man die Appenzeller Hügellandschaften, wir sind hier mitten in einem wichtigen Naturraum für die Schweiz und die Region. Hast du einen Kraftort, wo du dich zurückziehst, Kraft schöpfen kannst, wo du deine Wurzeln spürst?

Sicher im Dorf wo ich aufgewachsen und im Turnverein aktiv bin: Da kann ich ganz ich selbst sein. Zudem ist das Engadin ein sehr wichtiger Kraftort. Wenn ich dort bin, bin ich ein anderer Mensch. Mich inspirieren die hohen Berge, das Licht und die Weite des Tals.

Welchen Bezug hast Du zu Gesundheit im Allgemeinen und zu «mental health» bzw. Menschen, die psychisch erkrankt sind?

Wir haben momentan einige Fälle, die wegen Unfall oder Krankheit nicht arbeiten können. Wir haben bei uns eher das Problem, dass die Mitarbeiter zu früh wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren wollen. Da müssen wir bremsen, weil wir einer nachhaltigen Eingliederung auch die notwendige Zeit geben wollen. Was für uns wichtig ist, dass wir als Führungsverantwortliche in regelmässigem Kontakt mit unseren erkrankten Mitarbeitern stehen – persönlich! Wir achten auch sehr darauf, dass die Mitarbeitenden, die die Ausfälle kompensieren müssen, nicht in die „Überstundenfalle“ treten. Hier müssen wir wahnsinnig wachsam sein, dass unsere Mitarbeiter nicht zu lange, zu viel arbeiten. Es ist eine antiquierte Vorstellung, dass Mitarbeitende sich bei Überforderung aktiv melden – das ist Chefsache. Wir müssen diese Themen wahrnehmen, adressieren, Lösungen suchen und v.a.: Vorleben!

Aus deiner Antwort heraus höre ich, dass ihr die Mitarbeitenden auch betreffend Arbeitszeiten „kontrolliert“ – ihr merkt also, wenn jemand Überstunden macht?

Was für eine Frage! Selbstverständlich! In allen Abteilungen achten wir darauf, dass mehr als nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen nach Ruhezeiten, etc. eingehalten werden.

Wir sind hier in der Teppichetage des Unternehmens. Wie oft seid ihr bei Euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den verschiedenen Arbeitsplätzen präsent?

Der Betriebsleiter geht jeden Tag mehrmals durch den Betrieb. Auch der Innendienstleiter und der Geschäftsführer sind nahe bei den Leuten. Unsere Büros sind immer offen – ich selbst mache bewusst die Pausen an verschiedenen Orten im Betrieb und spreche Mitarbeitende direkt betreffend Befindlichkeiten privat oder beruflich an. Oft sind Mitarbeitende froh, wenn sie bei mir mal etwas „abladen“ können, auch Vertrauliches.

Wo kannst du „abladen“?

Ein wiederentdecktes Hobby ist Schlagzeugspielen. Das Schlagzeug ist viele Jahr im Estrich verstaubt. Seit einiger Zeit spiele ich wieder regelmässig – das ist für mich sehr befreiend.

Vielen Dank für deine Ausführungen, Emanuel. Wir freuen uns dich am 31.08.2018 auf dem Podium begrüssen zu dürfen und ich bin zuversichtlich, dass dir Tanja Frieden, unsere Moderatorin am Symposium, noch die eine oder andere spannend Antwort entlocken kann.

Factbox

Emanuel Steiner
Leiter Finanzen/Personal Appenzeller Alpenbitter AG

Emanuel Steiner, geboren 1977 wuchs in Hundwil AR auf und besuchte dort auch die Primarschule. Nach der Sekundarschule in Stein und der Verkehrsschule in St. Gallen schloss er eine kaufmännische Lehre bei der Bühler AG in Uzwil ab. In den letzten vier Jahren, von insgesamt elf Jahren bei Bühler AG, war er mitverantwortlich für den Aufbau und Schulung eines weltweiten Projektcontrolling-Tools.

Nach Abschluss der Ausbildung zum Fachmann für Finanz- & Rechnungswesen mit eidg. Fachausweis und vier Jahren bei der Buchhaltungs- & Treuhand AG in Altstätten SG, konnte er im Jahre 2010 bei der Appenzeller Alpenbitter AG die Stelle als Leiter Finanzen/Personal und Stv. Geschäftsführer antreten. Eine absolute Wunschstelle. Hatte er doch bereits mit 20 Jahren in einem Steckbrief unter Punkt «Was möchtest Du mal werden» geschrieben: «Qualitätstester bei der Appenzeller Alpenbitter AG».

Emanuel Steiner hat zwei Mädchen. Seine Hobbies sind Turnverein, Wandern & Weinen (Wein trinken). Nebst der Arbeit engagiert er sich auch als Kassier beim Kulturzentrum Stuhlfabrik Herisau.

Interview mit Emanuel Steiner, Leiter Personal und Finanzen als PDF
(von Appenzeller Alpenbitter AG)

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